Das Bordmagazin von Tanja & Micha

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EMMAon tour

Tanja & Micha unterwegs seit 2018

Ærø: das erste Mal

Fachwerkhaus mit pink und königsblau gestrichenen Gefachen

Einunddreißig Jahre verheiratet, und der Tag fing an, wie so ein Tag anfangen sollte: mit einem Frühstücksbrunch im James in Flensburg. Erst gegen Mittag sind wir am 6. Mai losgekommen, satt und in aller Ruhe — und dann zum ersten Mal nach Ærø gefahren. Aber der Reihe nach…

Die Fähre ab Fynshav sollte man frühzeitig reservieren. Dafür geht das Aufsteigen dann erstaunlich flott: Kennzeichen wird gelesen, Schranke auf, fertig. Knapp eine Stunde dauert die Überfahrt nach Søby, und das Schiff ist vollelektrisch — man merkt es daran, dass nichts zu hören ist. Der Himmel hing an dem Tag grau über allem, auf dem Sonnendeck saß Tanja allein zwischen den Picknicktischen in dicker Jacke. Unten im Fahrerhaus warteten Krümel und Tigger und fanden das Ganze mäßig aufregend.

Emma in der Warteschlange am Fähranleger Fynshav

Der Platz

In Ærøskøbing gibt es genau drei Stellplätze an der Marina, hintereinander aufgereiht, mit dem Sanitärgebäude gleich nebenan. Reservieren kann man sie nicht — man fährt hin und hofft. Wir hatten Glück. Rund 150 DKK die Nacht inklusive Strom, und dafür steht man mit Blick über eine große Wiese aufs Wasser.

Diese Wiese ist das Beste daran. Sie gehört nicht zum Platz, sondern dem Ort: Einheimische liegen dort in der Sonne, abends spielt jemand Fußball. Man wohnt also nicht auf einem Campingplatz, sondern mittendrin. Und keine fünfzig Meter weiter steht die Räucherei — was dazu führt, dass die Frage nach dem Abendessen sich an vier von vier Abenden von selbst beantwortet hat. Man holt sich das Tablett, setzt sich an einen der Holztische in die Abendsonne und lässt den Tag ausklingen.

Gleich am ersten Abend sind wir noch ans Wasser runter. Die See lag spiegelglatt zwischen den Findlingen, kein Wind, gar nichts. Auf dem Rückweg kommt man an einem Teich vorbei, in dem eine kleine Insel liegt — und auf dieser Insel stehen winzige weiße Häuschen mit roten Dächern, eine Mühle, ein Leuchtturm. Da wussten wir noch nicht, dass das eine ziemlich exakte Ankündigung von dem war, was am nächsten Tag kommen sollte.

Kleine Insel im Teich von Ærøskøbing mit winzigen weißen Häuschen, Mühle und Leuchtturm

Ærøskøbing

Am Morgen war der graue Deckel weg und der Himmel strahlend blau. Und die ganze Stadt wirkt, als habe jemand ein Spielzeugdorf aufgebaut und dann vergessen, es wieder einzupacken.

Anders kriegt man es nicht beschrieben. Die Gassen sind so eng, dass zwei Autos gar nicht erst auf die Idee kommen, sich begegnen zu wollen. Buckliges Kopfsteinpflaster, in dem die Steine seit Jahrhunderten dieselbe Delle haben. Die Häuser stehen leicht schief aneinandergelehnt, jedes in einer anderen Farbe: ochsenblutrot, senfgelb, altrosa, weiß. An einer Ecke ein Fachwerkhaus, dessen Gefache jemand abwechselnd pink und königsblau gestrichen hat, dazu blaue Fensterrahmen und kleine Figuren, die von innen auf die Straße gucken.

Die Türen sind ein Kapitel für sich: geschnitzte Doppelflügel mit Messingklopfern, darüber emaillierte Namensschilder, davor eine Tonfigur mit einem Blumentopf im Arm. Aus den Ritzen zwischen Pflaster und Wand wachsen Stockrosen. An einem Lokal hing eine Kreidetafel: „Åbner igen tirsdag kl. 18.“ Man hat es nicht eilig auf dieser Insel, und man erklärt sich auch nicht weiter. Nebenan ein riesiges Wandbild, auf dem eine Frau in Gelb Akkordeon spielt, während um sie herum getanzt wird.

Blaue Doppeltür mit Messingklopfer und Namensschild, davor eine Tonfigur mit Blumentopf

Ærøskøbing erkundet man zu Fuß, alles andere wäre albern. Wir sind zwei Tage lang durch dieselben Gassen gelaufen und haben jedes Mal etwas Neues gefunden — einen Laden mit Glaskunst und Schmuck, eine Hofeinfahrt, durch die man vorher nicht geguckt hatte.

Durch genau so eine Einfahrt kommt man ins „Den hemmelige Café“, und das war der Knaller der ganzen Woche: ein Innenhof unter einem Sonnensegel, Polstermöbel mit Kissen und Decken, an der weiß gekalkten Wand steht in verschnörkelter Schrift der Name. Dazu Kuchen, wie Kuchen sein soll, und eine ausgesprochen nette Frau, die das Ganze schmeißt. Das Frühstückscafé am Freitagmorgen war dagegen nur okay — für das Sortiment ordentlich teuer, aber das sind dänische Preise eben.

Abends dann das AROMA: sehr gute Küche, bei Tanja ein überbackenes Gericht im Tontopf, bei mir ein Burger, der den Namen verdient. Und gleich um die Ecke das beste Eis Dänemarks, mit täglich wechselnden Sorten. Wir haben das so gründlich überprüft, dass ich mir am Abreisetag noch einen Becher geholt habe, bevor es zur Fähre ging.

Marstal

Nach Marstal sind wir nur zum Schauen gefahren — und zum Toilette entleeren. Die Entsorgung dort ist ein altes verzinktes Waschbecken auf einem Holzdeck und genau so schön, wie das klingt. Man steht davor, denkt kurz nach, ob man das wirklich will, und macht es dann trotzdem.

Entschädigt wird man gleich nebenan: Über das flache Wasser hinweg schaut man auf Eriks Hale, eine schmale Nehrung, auf der die bunten Badehäuschen aufgereiht stehen — gelb, blau, grün, jedes mit eigenem Dach und eigener Fahnenstange, dahinter nur noch Ostsee. Zurück ging es über die Küstenstraße: links das Meer, rechts grüne Felder, und in der Ferne verschwindet der Asphalt in einer Kurve. Am Nachmittag saßen wir wieder auf der Wiese vor Emma in der Sonne.

Blick über das Wasser auf die bunten Badehäuschen auf der Nehrung Eriks Hale

Fazit

Kaputtgegangen ist nichts, geärgert haben wir uns über nichts. Das kommt selten genug vor, dass man es aufschreiben sollte.

Ærø lebt vom Hochzeitstourismus, dafür gibt es hier eine komplette Infrastruktur. Uns hat etwas anderes gekriegt: die Ruhe. Vier Nächte an der Marina, zwei Tage durch ein Spielzeugdorf, jeden Abend Fisch aus der Räucherei — mehr braucht es offenbar nicht. Wir kommen wieder, so viel ist klar. Die Lakritzfabrik haben wir nämlich immer noch nicht besichtigt 😉

Stellplatz Marina Ærøskøbing: drei Plätze, nicht reservierbar. Preis im Mai 2024 rund 150 DKK je Nacht, Strom inklusive. Sanitärgebäude direkt nebenan, Räucherei und Altstadt fußläufig. Anreise per Fähre ab Fynshav nach Søby, knapp eine Stunde, vollelektrisch — unbedingt vorher reservieren.

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